Vier elementare Kennzeichen einer Vertrauenskrise

Kontrolle ist gut – Vertrauen ist jedoch deutlich besser! In disruptiven (Krisen-)Zeiten ist Vertrauen wichtiger denn je – und zwar nicht nur in die EntscheidungsträgerInnen und Führungskräfte, sondern auch das Selbst-Vertrauen gewinnt an Bedeutung. Je unberechenbarer und unsicherer das Außen ist, umso weniger Verlass ist auf das, was uns das Außen an Leitplanken und Handlungsoptionen zur Verfügung stellen kann. Der Rückgriff auf unser Selbstvertrauen ist besonders wichtig, wenn wir im Außen folgende vier Kennzeichen wahrnehmen, die auf eine generelle oder individuelle Vertrauenskrise hindeuten.

  1. Fehlende Orientierung
    Versinkt die Welt im Chaos, müssen EntscheidungsträgerInnen und Führungskräfte als Leuchttürme fungieren. Auch wenn sie selbst im Chaos noch keine Richtung erkennen können, müssen sie in der Lage sein, Haltung zu bewahren und Wege aufzuzeigen. Sie sind diejenigen, die sich umfassend informieren, alle derzeit möglichen Optionen und Szenarien durchdenken und in Wahrscheinlichkeiten umwandeln müssen, um Tipps, Hinweise und Ratschläge geben zu können, was als nächstes getan werden kann. Sie brauchen die Fähigkeit, in kleinen Schritten zu denken und gleichzeitig das große Ganze im Blick behalten zu können. Können Führungskräfte und EntscheidungsträgerInnen diese Orientierung in Krisenzeiten nicht geben, riskieren sie, das Vertrauen der Menschen zu verlieren.
  2. Fehlende Transparenz
    Misstrauen entsteht, wenn Informationen nicht offen gelegt werden, wenn das Gefühl von Korruption und Mauschelei überhandnimmt und wenn zu viele unterschiedliche Informationen kursieren, die in sich nicht schlüssig sind. Intransparenz ist immer – aber vor allem in Krisenzeiten – tödlich für jede Organisation und jedes System, in dem Menschen miteinander agieren. Eine einheitliche, transparente Krisenkommunikation ist das A und O weitsichtiger Führungskräfte und EntscheidungsträgerInnen, weil sie wissen, dass sie das Vertrauen der Menschen brauchen, um gemeinsam durch die Krise zu kommen. Und wo Misstrauen durch Fake News, einseitige Informationsweitergabe, Informationszurückhaltung, Informationsmanipulation entsteht oder Informationshoheiten zur Machtsicherung genutzt werden, wenden sich die Menschen ab. Sie misstrauen, sie unterstellen – und die eigene Fantasie wird angeregt, wenn es um die Interpretation vorhandener Informationsbrocken geht. Das ist ein völlig menschliches Verhalten, das immer dann aktiviert wird, wenn unser Gehirn mit zu vielen unterschiedlichen Informationen konfrontiert wird und versucht, einen roten Faden zu entwickeln, Erklärungen zu finden und die Logik im Chaos zu lesen. Durch die individuellen Interpretationen verschlimmert sich jedoch die Intransparenz auf ganzer Linie. Das Misstrauen, welches vorher auf die Führungskräfte und EntscheidungsträgerInnen ausgerichtet war, verbreitet sich nun wie ein Virus in Belegschaften oder im Kollektiv. Spätestens ab jetzt verliert jedes Krisenmanagement die Kontrolle.
  3. Unberechenbarkeit
    Fehlende Orientierung kann durch individuelles Selbstvertrauen und durch den Rückgriff auf die eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen kompensiert werden. Doch wenn sich in eine Krise Intransparenz eingeschlichen hat und das Misstrauen gärt, dann wird jeder beteiligte Mensch – egal wie viel Selbstvertrauen er mitbringt – irgendwann das Gefühl der Unberechenbarkeit bekommen. Informationen – also Wissen – ist das höchste Gut, über das wir in unserer Leistungs- und Wissenschaftsgesellschaft verfügen können. Informationen, so haben wir von Kindheit an gelernt, schulen unsere Logik und unseren Verstand. Bewegen sich Menschen nun also in einem Umfeld zunehmender Intransparenz, lässt das Gefühl der Berechenbarkeit nach. Mental wächst das Gefühl der Irritation und Verwirrung. Unser Gehirn hat keine Leitplanken, Erfahrungswerte oder Muster mehr, an denen es sich orientieren kann. Die Möglichkeit, eigene Handlungsspielräume ausnutzen zu können, die Erfahrung, Situationen selbst gestalten – also mittels Autopoiesis, Systeme durch Prozesse der Selbsterschaffung und -erhaltung stürzen und stärken zu können –, lässt nach. Damit schwindet das Gefühl der Selbstregulation. Menschen empfinden sich zunehmend als Opfer einer Situation, die sie nicht mehr verstehen. Und wer sich als Opfer fühlt, verfügt im Regelfall nur noch über sehr wenig Vertrauen – oder hat es gänzlich verloren.
  4. Fehlende Kooperation
    Vertrauen fußt auf einem guten, menschlichen Miteinander, das einerseits von Fairness und Respekt geprägt ist, andererseits aber durch kooperatives Verhalten tagtäglich gestärkt wird. Kooperation ist, so habe ich in meinem Buch „Humanismus 4.0“ ausführlich beschrieben, die Fähigkeit, gelingende Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Eine gelingende Beziehung ist mehr als das businessmäßige „Win-Win“, das häufig in einem Atemzug mit Kooperation gleichgesetzt wird. Gelingende Beziehungen können nur dann entstehen, wenn eine Vertrauensgrundlage da ist, auf der sich Menschen auf Herzebene öffnen können. Gelingende Beziehungen entstehen nicht durch Logik im Kopf, sondern aufgrund von Empathie und gegenseitigem Verständnis. Nun haben wir in den letzten Wochen und Monaten eine höchst paradoxe Situation erleben dürfen: „Social Distancing“ war und ist das Gebot der Stunde – Kooperation und menschliches Miteinander sollten aber gleichzeitig die Grundlage sein, mit der wir alle gemeinschaftlich durch diese Krise steuern. Auf individueller, nachbarschaftlicher Ebene mag das funktioniert haben und noch funktionieren – weil sich die Menschen bereits kennen und sich schon vorher gegenseitig vertraut haben. Auf kollektiver Ebene ist das Gebot der Distanzierung bei gleichzeitiger Aufforderung zur Kooperation eine Form der Antinomie – der Unvereinbarkeit von Gesetzen. Kooperation und Distanzierung machen beide Sinn und sind in sich richtig und schlüssig. Doch Kooperation entsteht nur durch die Fähigkeit und Möglichkeit, gelingende Beziehungen herstellen zu können. Die Grundlage dafür ist Vertrauen – und Vertrauen wiederum braucht zwingend den menschlichen, persönlichen Austausch, um überhaupt entstehen zu können. Social Distancing steht dieser Möglichkeit massiv im Weg – und auf ausschließlich rein virtueller Ebene eine dauerhafte Vertrauensbasis aufzubauen, die Kooperationen zulässt, ist schwierig und benötigt ein hohes Maß an gegenseitiger Bewusstheit, Reflexion – und Übung.

Brauchen Sie Tipps und Leitfäden zur Krisenbewältigung? Dann klicken Sie auf www.unternehmen-in-not.help. Dort finden Sie eine kleine Tool-Box für Ihre Unterstützung.