Was wäre, wenn Bürgermeister*Innen die Welt regieren würden?

Vor einigen Jahren haben wir in Bonn regelmäßig PechaKucha—Nights veranstaltet – Vortragsabende auf japanische Art: 20 PowerPoint-Folien à 20 Sekunden pro Folie – also 400-Sekunden-Vorträge voller Knowhow, Esprit und Inspiration. Als Veranstaltende dieser Nights wurden wir von den Erfindern des Formats, den Architekten Mark Dytham und Astrid Klein, 2016 zu einem sogenannten „Pow Wow“ nach Tokio eingeladen, einem „Häuptlingstreffen“ der PechaKucha-Veranstalter weltweit. Im legendären „Super Deluxe“ präsentierten wir im Rahmen der 134. PechKucha-Night am 18. März 2016 unsere Stadt – und lernten dabei auch Carl Hildebrand kennen, den „PechaKucha-Häuptling“ aus Miami. Er sprach damals in seiner Präsentation von einer „Yes-City“ – und daran muss ich in letzter Zeit verstärkt denken, wenn ich mir Gedanken darüber mache, wie eine Pandemie-Krise nachhaltig, effektiv und schnell zu bewältigen sein könnte.

Carl versteht unter einer „Yes-City“ eine Stadt, die offen ist für Neues, die Experimente zulässt und den Bürgerinnen und Bürgern einer Stadt Chancen ermöglicht, statt ihnen Steine in den Weg zu legen. Mit anderen Worten: Eine Yes-City ist eine kooperative Stadt, in der Wachstum und Entwicklung möglich sind. Ob Miami das tatsächlich ist, vermag ich nicht zu beurteilen, doch Carls differenzierte Wahrnehmung seiner Heimatstadt hat mich damals aufhorchen lassen, denn im Gegensatz zu einer kooperativen „Yes-City“ ist eine „No-City“ – wenig überraschend – genau das Gegenteil: eine Stadt, die Dienst nach Vorschrift macht, weniger bürgernah agiert und Bürokratie statt Kooperation pflegt.

Benjamin R. Barber hat in seinem Buch „If Mayors Ruled the World“ (2013 erscheinen) die Frage gestellt, ob Städte nicht viel besser als ganze Nationen die größten Probleme des 21.  Jahrhunderts lösen können. Also Stadtdemokratie statt Staatsdemokratie, um die großen Herausforderungen der Gegenwart lokal herunterzubrechen und vor Ort kooperativ zu lösen. Barber selbst ist der Ansicht, dass BürgermeisterInnen heute die bessere Arbeit leisten können als StaatslenkerInnen. Städte beherbergen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung, ein Anteil übrigens, der weiterwachsen wird. Sie sind der Schmelztiegel für kulturelle, soziale und politische Innovationen, ein Brutkasten für wirtschaftlichen Wohlstand – und sie verursachen rund 70% der weltweiten Treibhausgase.

Vor allem im Angesicht einer Pandemie, die sich regional völlig unterschiedlich darstellt und entwickelt, wie an den aktuellen Beispielen Gütersloh oder Berlin zu sehen ist, könnten Städte unter Umständen viel näher an und mit den Bürgerinnen und Bürgern kooperative Lösungen finden. Denn Städte haben einzigartige Qualitäten, die insbesondere in Krisenzeiten unglaubliche Vorteile bieten:

  • Pragmatismus und eine damit einhergehende „Hands-on“-Mentalität
  • Bürgerschaftliches Vertrauen
  • Bürgerschaftliche Mitbestimmung und pro-aktive Einbeziehung
  • Demokratischen Hang zu Vernetzung, Kreativität und Innovation

Diese Vorteile können allerdings nur dann wirklich zum Tragen kommen, wenn Städte eine entsprechende „Yes-Mentalität“ dazu entwickeln und leben. Und was könnte daraus beispielsweise in Zeiten wie jetzt erwachsen? Hier ein paar pragmatische Ansätze, die ich hoffnungsvoll begrüßen würde, wenn sie umgesetzt würden:

  1. In Pandemiezeiten könnten Tests stadtteilbezogen durchgeführt werden (so wie es jetzt teilweise auch geschieht) – mit Hilfe der Bürgerinnen und Bürger, die freiwillig unterstützen. Eine Stadt könnte so in kurzer Zeit einen aktuellen Status quo über verlässliche Infektionszahlen erhalten.
  2. Basierend auf diesen Zahlen könnten dann unter Mitbestimmung der Bürgerinnen und Bürger, der Ämter und der Wirtschaft sinnvolle und zielgerichtete Maßnahmen getroffen werden.
  3. Müssten alle Schulen zur gleichen Zeit geschlossen und wieder in Betrieb genommen werden? Nein, denn je nach Infektionszahlen und lokal-transparenter Informationspolitik würden sich die Öffnung oder der Shutdown des öffentlichen Lebens nach den aktuell bekannten Infektionszahlen richten können. Weil die einzelnen Stadtteile kooperativ an der Eindämmung arbeiten, wäre die Bereitschaft zur Kooperation vermutlich sehr viel höher als das zurzeit in vielen Bereichen der Fall ist.
  4. Genauso wie kooperativ in der Krise zusammengearbeitet wird, könnte kooperativ das Raus aus der Krise gestaltet werden. So könnte sich zum Beispiel die örtliche Wirtschaft in unterschiedlichen Arbeitskreisen treffen – angeleitet und moderiert durch die Stadt und entsprechende Entscheidungsträger, so dass sehr schnell deutlich würde, wo eklatante Problematiken zu erwarten sind. Weil darüber auch wieder transparent und pragmatisch gesprochen würde, könnten Lösungen „hands-on“ getroffen werden – ohne lange Bürokratieschleifen drehen zu müssen.

Die daraus entstehende lokale und vor allem schnelle Regierungsführung birgt unglaubliche Potenziale, die schon zur Zeit der Hanse gewinnbringend genutzt wurden. Auch heute könnten Städte – unabhängig unseres föderalen Systems – sehr viel mehr Handlungsfreiheit und das Modell der bürgerlichen Mitbestimmung nutzen, als sie es derzeit tun.

Berlin und Heidelberg gehen hier mit gutem Beispiel voran. Sie sind Teil eines weltweiten Städtenetzwerks – C40 genannt, das mutige Klimaschutzmaßnahmen ergreift, um so den Weg in eine gesündere und nachhaltigere Zukunft zu weisen. Diese Art der freiwilligen kontinentübergreifenden Partnerschaften ist nicht neu – und dennoch immer noch eine relativ unbekannte und vor allem ungenutzte Ebene von Global Governance. Der Klimawandel ist dabei nur eines von vielen möglichen Anwendungsbeispielen dafür, was möglich wird, wenn städtische Probleme durch vernetzten Glokalismus dazu beitragen, Weltprobleme zu lösen.

Barber geht übrigens noch einen Schritt weiter. Er schlägt ein „Weltparlament der BürgermeisterInnen“ vor und ist überzeugt, dass ein solches Gremium, auf freiwilliger Basis eingerichtet, den Städten ermöglichen würde, eine stärkere Stimme in globalen Angelegenheiten zu bekommen. Eine solche Plattform weltweiten Austauschs würde zusätzlich neue Handels-, Gesellschafts- und Bildungskooperationen möglich machen – und zwar unabhängig der jeweils aktuellen Machthabenden in den jeweiligen Ländern.

Die Folgen wären:

  • demokratische Glokalisierung statt undemokratischer Globalisierung
  • Horizontalismus statt Hierarchie und damit schnellere Entscheidungsfindungen und Problemlösungen
  • Pragmatische Interdependenz statt nationaler Unabhängigkeit und Abschottung, so wie ich es in meinem Buch „Humanismus 4.0“ auch schon beschrieben habe

Das wirtschaftliche Potenzial, das in dieser Grundidee liegt, ist riesengroß!