Lethargie als emotionale Krisenbegleiterin

Krisen können lethargisch machen. Vor allem dann, wenn kein Ende abzusehen und kein Licht am Horizont zu erkennen ist. Die derzeitige Krise ist so eine. Sie bietet den perfekten Nährboden für Lethargie. Warum das so ist und wie man der Lethargie-Falle entkommen kann, möchte ich nachfolgend erklären.

Lethargie – was ist das eigentlich?

Lethargie als Begriff ist bekannt. Bekannt ist auch, dass Lethargie mit Unlust verbunden ist. Doch sie ist noch viel mehr. Psychologisch betrachtet ist Lethargie ein Zustand tief verankerter Trägheit und Schwere. Die Bewegungsenergie des Menschen ist praktisch zum Erliegen gekommen. Teilnahmslosigkeit und Apathie sowie die Unfähigkeit, sich selbsttätig aus diesem Zustand zu befreien, sind die Folge.

Warum bietet die derzeitige Krise den Nährboden für Lethargie?

Basierend auf der Selbstbestimmungstheorie von Edward L. Deci und Richard M. Ryan hat der Mensch drei permanente und kulturübergreifende psychologische Grundbedürfnisse, deren Befriedigung für effektives Verhalten und psychische Gesundheit von Bedeutung ist.

  1. Autonomie: Hierunter versteht man nicht nur die Unabhängigkeit einer Person, sondern auch das Gefühl der Freiwilligkeit, das jedes Verhalten begleiten kann.
  2. Soziale Eingebundenheit: Hiermit wird das Gefühl der Bedeutung beschrieben, die andere Menschen für einen haben – und die man selbst für andere hat.
  3. Kompetenz: Dahinter verbirgt sich das Gefühl, effektiv auf Dinge und Situationen einwirken zu können – um dadurch auch die eigene Autonomie zu stärken und entsprechende Resultate zu erzielen, die befriedigen und motivieren.

Durch den Shutdown und das seit Monaten anhaltende „Social Distancing“, ist die Befriedigung der Grundbedürfnisse bei vielen Menschen nachhaltig erschüttert. Die Selbstbestimmung darüber, wie wir unsere soziale Eingebundenheit gestalten, ist bis heute in vielen Bereichen eingeschränkt und wird es vermutlich auch noch länger bleiben – und ein autonomes, selbstbestimmtes Zurück in die soziale Eingebundenheit stand im Höhepunkt der Krise sogar unter Strafe. Ein zustand, der noch Anfang des Jahres völlig undenkbar erschien.

Der Rückzug ins Home-Office für alle, deren Jobs auch von zu Hause erledigt werden können, war für die einen ein Träumchen – für andere ein Alptraum. Weil es auch hier keine freiwillige Entscheidungsgrundlage gab, waren es gefühlt für viele aufoktroyierte Zwangsmaßnahmen – und zwar für alle, die zu Hause weder arbeiten wollen, noch in Ruhe arbeiten können. Kommt dann noch die Notwendigkeit der Nutzung digitaler Medien hinzu, die für ebenfalls viele Menschen echtes Neuland darstellte, ist auch das Grundbedürfnis „Kompetenz“ angegriffen.

Weil fast alle verstanden haben, dass die angeordneten Maßnahmen notwendig waren, fand eine kollektive Beugung statt, die zum Beginn der Gesundheitskrise richtig und notwendig war. Allerdings ist auch fünf Monate nach dem Shutdown in sehr vielen Lebensbereichen noch keine Normalität – weder eine alte, noch eine vielfach herbeibeschworene neue – eingekehrt. Nach wie vor empfinden viele Menschen klare Einschränkungen in der Auslebung ihrer Grundbedürfnisse, freilich oft, ohne dass sie es entsprechend artikulieren können.

Wir haben in den letzten Wochen sowohl in einem Webinar als auch auf unserem women&work-Instagram-Account Umfragen durchgeführt, um stichprobenartig zu erfassen, ob es Anzeichen für Lethargie bei den Menschen gibt.

Auf Instagram befragten wir unsere Follower Anfang August 2020, wie es um ihre Motivation bestellt sei:

Lediglich 19 Prozent gaben an, motiviert zu sein. 81 Prozent fühlten sich träge – und das war, man sollte es vorsichtshalber erwähnen – noch vor der großen Hitzewelle. Trägheit ist erst einmal nichts Verwerfliches und kann dem generellen Sommer-Feeling geschuldet sein. Jedoch ergaben Nachfragen von unserer Seite, dass viele Menschen Perspektivlosigkeit, Angst vor der Zukunft und ein generelles Gefühl von Unsicherheit plagen. Auch Stress ist ein Faktor, der schon seit Jahren – jetzt aber Corona-bedingt sehr aktuell – auf das Wohlbefinden einwirkt. Das bestätigt auch eine repräsentative Umfrage des FORSA-Instituts im Auftrag des Arbeitskreises Nahrungsergänzungsmittel (AK NEM) im Lebensmittelverband Deutschland. Etwa jede:r zweite gibt als Grund für das Stressempfinden die Kontaktbeschränkungen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie an, weil dadurch der Austausch mit Freunden und Familie fehlt (49 Prozent) oder Freizeitaktivitäten wie Sport, Kino oder Restaurantbesuche eingeschränkt sind (48 Prozent). Fast jeder Dritte (30 Prozent) fühlte sich aufgrund veränderter Arbeitsbedingungen wie Mehrarbeit, Home-Office oder der Einführung von Schichtarbeit gestresst – und jede:r Vierte (26 Prozent), weil es weniger Urlaubsmöglichkeiten gibt.

Unsere Webinar-Umfrage von Mitte Juli 2020 bestärkt diesen Trend. Wir wollten von den rund 120 Teilnehmenden des Webinars „Raus aus der Lethargie-Falle“ wissen, ob Lethargie bei ihnen derzeit ausgeprägt sei – und wenn ja, wie stark. Bei 58% der Befragten war das Gefühl stark bzw. sehr stark ausgeprägt. Bei 42% weniger stark ausgeprägt – aber immer noch vorhanden. Niemand gab an, sich nicht lethargisch zu fühlen.

Natürlich ist die Frage der Lethargie generell noch kein Indiz für eine veränderte Grundstimmung in der Bevölkerung. Daher fragten wir im Webinar nach der Qualität der Lethargie bzw. nach der Häufigkeit des Auftretens. Hier sind insbesondere die 38% auffällig, die angaben, dass ihr lethargischer Zustand seit dem Shutdown und dem Social Distancing stark ausgeprägt sei. Bei 46% ist Lethargie eine Emotion, die häufig gespürt wird, bei 4% ist sie ein genereller Zustand. 13% haben von der Beantwortung der ersten Frage zur Beantwortung der vertiefenden Frage offensichtlich ihren emotionalen Zustand überdacht und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Lethargie bei ihnen doch nicht vorhanden sei.

Die Zahlen sind stichprobenartige Momentaufnahmen und dennoch aus meiner Sicht nicht unter den Tisch zu kehren. In einem aktuellen Video erläutere ich, wie es zu lethargischen Zuständen kommen kann und warum gerade diese Krise prädestiniert ist dafür, Lethargie hervorzurufen.

Die Welt hat sich im Jahr 2020 bisher – gefühlt – in einem Schleuderprogramm befunden und von ihrer anstrengenden Seite gezeigt. Für viele Menschen glichen die ersten 5 Monate einer emotionalen Achterbahnfahrt. In Freizeitparks fahren manche von uns freiwillig Achterbahn und schmeißen sich mit Freude in den Taumel der Loopings. Im realen Leben jedoch suchen wir uns die emotionalen Loopings, die Krisen und extreme Veränderungen hervorrufen können, nie freiwillig aus. Auf den entsprechenden Nervenkitzel können viele verzichten – vor allem dann, wenn es mit so vielen Einschränkungen unserer Lebensbereiche verbunden ist, wie wir es erlebt haben und immer noch erleben.

Müdigkeit und Erschöpfung, die auf diese Dauer-Loopings folgen, sind normal und bei sehr vielen verbunden mit einer Frage, deren Beantwortung unmöglich erscheinen und zu Dilemmata führen kann:

Für welche Sicherheit entscheide ich mich? Für die Sicherheit meines Körpers, meines Jobs, für die Sicherheit der Systeme, in der ich lebe oder für die Sicherheit unseres gesamten Planeten?

Die Frage selbst und die Suche nach der Antwort kann überwältigend sein – und muss im Augenblick ggf. immer wieder angepasst werden. Auch das ermüdet und führt in existenzielle Lebens- und Wertefragen, die – aus dem Gefühl der Überwältigung – Lethargie hervorrufen können.

Daher lautet einer meiner Tipps zum „Raus aus der Lethargie-Falle“: Führen Sie eine Standortbestimmung durch:

Es ist einer von insgesamt 4 Tipps. Die restlichen Tipps können Sie in meinem Video anschauen.