Job-Darwinismus auf dem Arbeitsmarkt?

Im Mai 2020, zur Vorbereitung auf den women&work-Onlinekongress „Jobsuche in Krisenzeiten“, interviewte ich Prof. Dr. Hilmar Schneider, Chef des Forschungsinstituts Zukunft der Arbeit. Seine Thesen, Einschätzungen und Aussagen von damals haben an Aktualität und Brisanz nichts verloren. Daher veröffentliche ich, mit Prof. Schneiders Einverständnis, heute ein verkürztes und überarbeitetes Transkript dieses wirklich lesenswerten Interviews.

Melanie Vogel: Was ist Ihr momentanes Empfinden, in welche Richtung wird sich der Arbeitsmarkt in Deutschland entwickelt?

Prof. Dr. Hilmar Schneider: Als Referenz dient uns die Finanzmarktkrise vor etwa zehn Jahren.  Und da sieht man jetzt schon, dass beispielsweise, was die Meldungen der Kurzarbeit anbelangt, die Zahlen deutlich höher sind als vor zehn Jahren – das ist ein klares Warnsignal. Auf der anderen Seite muss man aber auch sehen, dass die akut betroffenen Branchen in erster Linie die Freizeitindustrie, Beherbergungen, Gastronomie und Eventmanagement sind. Diese Branchen sind, insgesamt betrachtet, eigentlich relativ klein. Die übrigen Branchen sind nicht unmittelbar betroffen, sondern eher mittelbar. Also beispielsweise in der exportorientierten Industrie merkt man eben, dass die Lieferketten gestört waren und teilweise auch noch gestört sind. Und es wird vermutlich auch aufgrund der vielen Einkommensausfälle, die viele Haushalte jetzt erstmal verkraften müssen, zu Nachfrageeinbußen kommen, die sich dann mittelbar auswirken. Über die Bereiche, die unmittelbar betroffen sind, mache ich mir offen gestanden große Sorgen. Ein Restaurant, was jetzt z.B. in Konkurs gehen muss, weil es einfach zu wenig finanzielle Reserven hat, wird möglicherweise dann eben auch nicht mehr einfach nach der Krise wieder öffnen können. Die großen exportorientierten Unternehmen übrigens verfügen über beachtliche finanzielle Puffer, die ihnen auch gestatten, über solche Krisen hinwegzukommen.  Langfristig wird vermutlich alles wieder in Gang kommen, da mache ich mir keine Sorgen. Aber diese vorübergehende Phase, die wird unvermeidlich sehr hart werden. Und es ist leider ja auch so, dass die staatlichen Finanzhilfen in diesen Bereichen sehr schwer zu adressieren sind. Gerade die kleinen Unternehmen in den akut betroffenen Branchen haben teilweise beachtliche Fixkosten. Sie müssen Miete zahlen für Räumlichkeiten, sie haben möglicherweise auch Verpflichtungen, die hören ja nicht auf, und das müsste dann im Prinzip ganz gezielt auch über die Krise hinweg durch staatliche Unterstützung finanziert werden, damit diese Unternehmen eine Chance haben, auch wieder am Start zu sein, wenn die Krise vorbei ist. Das scheint mir im Augenblick nicht besonders gut zu gelingen.

Bis Ende September haben Unternehmen einen gewissen Insolvenzschutz. Was erwarten Sie für den Herbst in Bezug auf die Insolvenzzahlen?

Es ist, ehrlich gesagt, ganz schwierig, da eine vernünftige Vorhersage zu machen. Ich bin kein Virologe, ich bin kein Mediziner, ich bin kein Epidemiologe, aber wenn ich ernst nehme, was die Fachleute dazu sagen, können wir davon ausgehen, dass die Gefahr durch das Virus auch im Herbst nicht vorbei ist. Es kann sogar sein, dass die Gefahr dann wieder wächst, wenn sich Menschen zunehmend in geschlossenen Räumen aufhalten. Wenn ich mir das vor Augen führe, muss ich eigentlich sehr skeptisch in die Zukunft blicken, denn wenn die Reserven nur für ein paar Monate reichen, dann wird der Herbst praktisch die Zeitphase sein, wo im Prinzip die Reserven aufgebraucht sind und den Betroffenen gar nichts anderes übrig bleibt, als Insolvenz anzumelden.

Was würden Sie Jobsuchenden derzeit empfehlen?

Im Moment ist es natürlich besonders schwierig, weil die Firmen, auch was die Neuanstellungen betrifft, zurückhaltend sind. Auch Zeitarbeit wurde heruntergefahren. Firmen warten im Moment ab. Das macht es für Menschen, die gerade auf der Jobsuche sind, nicht einfacher. Es gibt Branchen, da sind Mitarbeitende gefragt, aber es sind nicht notwendigerweise die Branchen, wo auch die Jobsuchenden unterwegs sind. Wer IT-Spezialist ist, wird nicht unbedingt an einem Job als Paketfahrer interessiert sein, obwohl gerade da die Nachfrage sehr groß ist. Auch im Bereich Pflege gibt es einen riesigen Bedarf. Teilweise ist es auch so, dass der Bedarf in Bereichen sehr groß ist, wo die finanziellen Mittel schwankend sind, denken Sie mal an die Schulen oder Kinderbetreuungseinrichtungen. Wenn dort die entsprechenden Budgets vorhanden wären, und wenn auch die Zahl der entsprechend qualifizierten Fachkräfte groß genug wäre, könnten wir in dem Bereich massiv Jobs aufbauen. Das Problem derzeit heißt nicht Fachkräftelücke, sondern das Problem sind tatsächlich die fehlenden Jobs und die mangelnde Einstellungsbereitschaft der Firmen.

Das bedeutet, man braucht nicht nur Flexibilität, sondern auch die Bereitschaft, in Branchen oder Berufe reinzugehen, für die man überqualifiziert ist?

Ja, und genau damit tun sich viele wirklich schwer, weil man befürchtet, dass es einem langfristig schadet, wenn man jetzt einen Job annimmt, für den man überqualifiziert ist. Wer das nämlich einmal akzeptiert hat, signalisiert damit auch künftigen Arbeitgebern, dass man in seiner Verhandlungsposition bereit ist, Zugeständnisse zu machen. Dass diese Befürchtung nicht ganz von der Hand zu weisen ist, wissen wir von vielen Studien, die zeigen, dass Arbeitnehmende, die unfreiwillig gezwungen wurden, ihren Job aufzugeben, in eine schwache Verhandlungsposition gedrängt wurden. Sie konnten dann auch bei ihrem nächsten Job in der Regel nicht wieder zu dem gleichen Einkommen oder Gehalt kommen, wie das, was sie davor hatten. In der Konsequenz wird das, was durch die Krise ausgelöst wurde, unvermeidlich langfristig negative Folgen haben. Die Frage ist eigentlich im Grunde nur: Wie kann ich diese negativen Folgen minimieren? Wenn ich jetzt bereit bin, etwas anzunehmen, was unter meinem Qualifikationsniveau liegt, wird das auch langfristig negative Auswirkungen haben? Ist es dann eventuell besser, das Angebot nicht anzunehmen, obwohl ich es haben könnte? Sind dann die negativen Folgen möglicher Weise noch gravierender? Also man kann sich drehen und wenden, wie man will, diese Krise ist eine echte Herausforderung und sie wird – wenn ich das salopp sagen darf – nicht ohne Blechschaden abgehen. Wir sind im Augenblick tatsächlich mit einer Katastrophe biblischen Ausmaßes konfrontiert.

Werden wir auf dem Arbeitsmarkt eine neue Form von Job-Darwinismus erleben? Laufen wir unter Umständen in eine ganz neue Form des Arbeitskampfes?

Ja, es ist etwas dran an dem, was Sie sagen. Diese Krise ist ungerecht. Es gibt Arbeitnehmende, die haben das Glück, in einem Beruf tätig zu sein, der von dieser Krise gar nicht so dramatisch betroffen ist. Wenn ich jetzt z.B. an mich und an meine Kollegen denke, für uns ist es relativ unproblematisch, unsere Arbeit auch von zu Hause aus zu machen und das geht vielen anderen auch so. Für Menschen, die in erster Linie mit der Herstellung von geistigen Produkten beschäftigt sind – und das sind nicht nur Wissenschaftler, das sind auch Architekten, Projektmanager oder Unternehmensberater, für die ist diese Krise gar nicht so ein Problem.  Aber das ist nicht ihr eigener Verdienst. Sie haben einfach das Glück, dass sie in einem Beruf tätig sind, der von dieser Krise nicht so massiv betroffen ist. Auf der anderen Seite erleben Arbeitnehmende, die in einem Beruf tätig sind, der den direkten persönlichen Kontakt unbedingt erfordert, dass ihnen ihr Geschäft wegbricht und ihre Existenzgrundlage geraubt wird. Die können aber auch nichts dafür; es ist nicht ihre Schuld, es ist nicht ihr Versagen, sondern das ist einfach die Natur dieser Krise. Die Finanzmarktkrise hat im Vergleich dazu eine völlig andere Wirkung gehabt. Und das ist, glaube ich, auch ein Kernproblem: Viele Menschen erleben, dass ihre Bekannten und Freunde von der gleichen Krise betroffen sind, aber die Auswirkungen sind extrem unterschiedlich. Der eine steht mit nichts da, und der andere weiß gar nicht, wo das Problem ist. Das würde ich jetzt nicht in diesem Sinne als Darwinismus bezeichnen, denn es hat nichts mit meinen persönlichen Eigenschaften zu tun, ob ich flexibler oder schneller oder schlauer als andere bin, sondern diese Krise hat vornehmlich damit zu tun, an welcher Stelle und an welcher Position ich gerade bin, in dem Moment als diese Krise über uns hereingebrochen ist.

Besteht dadurch nicht auch die Gefahr einer langfristigen Spaltung der Gesellschaft?

Je schneller wir diese Krise überwinden, umso geringer sind die Verwerfungen, die sie hervorruft. Aber wenn das nicht gelingt, dann haben wir unvermeidlich ein großes Problem. Diese Krise verschärft Ungleichheiten und sie erzeugt auch Ungleichheiten. Der- oder diejenige, die jetzt im Augenblick quasi gezwungen ist, die eigenen finanziellen Reserven anzugreifen, wird natürlich ein Problem haben, wenn es dann nach der Krise darum geht, wieder durchzustarten. Das ist wie bei einem Wettrennen. Sie sind unverschuldet quasi auf den letzten Platz gerutscht. Aber hier geht es nicht um einen Sport, wo man hinterher zusammen ein Bier trinken geht, sondern es geht um die materielle Existenz. Das ist kein Spaß.

Man hat in dieser Krise das Gefühl, durch Home-Schooling und Kinderbetreuung in klassische stereotype Rollen zurückgedrängt zu werden. Machen wir in der Gleichstellung von Männern und Frauen derzeit wieder Rückschritte?

Mütter mit kleinen Kindern, die auf Kinderbetreuung oder die auf die schulische Betreuung angewiesen sind, sind durch diese Krise jetzt offensichtlich in extremen Schwierigkeiten. Ich erlebe das auch in meinem persönlichen Alltag. Natürlich gibt es auch männliche Kollegen, die mal in einer Videokonferenz den Säugling auf dem Schoß haben, aber es sind doch stärker die Frauen, die jetzt wieder auf die Erziehungsrolle zurückgeworfen werden, das weiß man auch aus diversen Befragungen. Natürlich gibt es auch Männer, die sich jetzt mehr kümmern als vorher, aber das ändert letztlich nichts daran, dass Frauen von dieser Situation betroffen sind und jetzt natürlich auch ihrem Arbeitgeber gegenüber offenbaren müssen, dass sie, wenn es hart auf hart kommt, nicht immer so zur Stelle sein können wie man sich das als Arbeitgeber wünscht. Das wird mit Sicherheit langfristige Auswirkungen haben, weil man eben in einer Krisensituation wie jetzt merkt, wo die Grenzen sind. Das wünscht sich niemand, denn Frauen sind nicht weniger produktiv als Männer. Frauen sind auch nicht weniger intelligent als Männer, das ist alles Blödsinn. Frauen sind einfach aufgrund des Rollenverhältnisses häufiger in Situationen, wo sie Grenzen ziehen müssen, was ihren Einsatz im Job anbelangt. Und das schlägt sich dann letzten Endes in Beförderungsmustern und in Bezahlungsmustern nieder. Wir waren eigentlich auf einem guten Weg vor der Krise. Die Kinderbetreuung ist sehr gestärkt worden, das hat maßgeblich dazu beigetragen, dass sich die Rolle von Frauen im Berufsleben sehr stark zu ihren Gunsten verbessert hat, aber diese Krise wirft sie wieder zurück. Das wird Spuren und Narben hinterlassen. In unserer vorhin schon angesprochenen Befragung fällt übrigens auf, dass Männer die Auswirkungen weniger gravierend einschätzen als Frauen.

Ich denke, wir hatten den gesellschaftlich notwendigen Turning Point einfach noch nicht erreicht. Deswegen ist es auch relativ leicht, in dieser Krise wieder in die alten Rollenmuster zurückzufallen, weil die neuen einfach noch nicht so stark etabliert waren.

Ja, aber wie sieht eine alternative Lösung aus? Es ist eine Illusion zu glauben, man könnte das durch private Dienstleistungen kompensieren. Es ist mit den Hygieneregeln, mit den Abstandsregeln usw. nicht vereinbar. Das sorgt für Ratlosigkeit auf allen Seiten. Wobei ich auch sagen möchte, dass viele Verantwortliche, beispielweise in Schulen, teilweise wirklich überfordert sind, weil sie sich immer wieder ad hoc irgendwelche Lösungen ausdenken müssen. Es wäre gut, wenn es da mehr strategisches Wissen gäbe. Dieses Virus hat ja bestimmte Eigenschaften, die man mittlerweile ganz gut kennt, beispielsweise die Zeit zwischen der Infektion und dem Ausbruch von Symptomen. Das kann man sich durchaus zu Nutze machen. Ein Forschungsinstitut in Israel hat sich dazu bereits Gedanken gemacht. Sie haben vorgeschlagen, dass man in allen Betrieben, auch in Schulen, im Wochenrhythmus ein Zwei-Schichten-System praktizieren sollte, und dass man die Belegschaft strikt nach diesem Wochensystem trennt. Wenn eine Infektion erfolgen sollte, dann ist jeweils nur eine Wochenschicht betroffen. Dadurch kann man die Betroffenen leicht isolieren und der zweite Teil der Belegschaft wäre vor einer Ansteckung relativ sicher. Was ich vor den Sommerferien in den Schulen erlebt habe, war jedoch genau das Gegenteil. Da wurde statt eines wochenweisen Rhythmus ein Teilzeitrhythmus installiert, d.h. die einen kamen 2 Stunden am Vormittag und die anderen 2 Stunden am Nachmittag – aber alle Schüler kommen am gleichen Tag in einem Gebäude zusammen. Wenn da eine Infektion ausbricht, betrifft sie gleich die ganze Schule. Das meine ich damit, wenn ich sage, die Beteiligten sind überfordert. Die Schulleitung hat sich ja nicht mit Epidemiologie beschäftigt und es macht auch keinen Sinn, dass sich jeder Schulleiter oder jede einzelne Schulleiterin zum Fachmann/frau für Epidemiologie ausbildet. Da hätte man von Seiten des Staates sehr viel mehr Handlungsempfehlungen und Anweisungen geben müssen, wie man den Schulbetrieb in dieser Krise effizient gestalten kann. Das gehört, glaube ich, auch zu den Lehren, die man gerade schmerzhaft sammelt, so dann man es dann beim nächsten Mal hoffentlich besser macht.

Sprechen Sie bitte nicht vom nächsten Mal…

Das nächste Mal wird leider unvermeidlich kommen.

Das befürchte ich auch, deswegen würde ich gern mit Ihnen noch einen vorsichtig-visionären Blick in die Zukunft werfen. Wird COVID-19 unser Arbeitsleben dauerhaft verändern? Werden wir zukünftig nur noch im Homeoffice arbeiten?

Ich glaube, wenn man dieser Krise etwas Gutes abgewinnen kann, dann, dass viele Beteilige in die Erfahrung des Homeoffice gezwungen wurden. Vorher hat man teilweise Illusionen gehabt, teilweise auch Vorbehalte, doch das ist jetzt alles erst einmal vom Tisch. Die einen haben sehr positive Erfahrungen gesammelt, die anderen extrem negative. Da, wo die negative Erfahrung überwiegt, liegt das zum großen Teil daran, dass man in einigen Haushalten natürlich nicht auf ein Homeoffice eingerichtet und vorbereitet war. Viele Häuser oder Wohnungen sind schlichtweg zu klein für ein oder zwei Büroräume. Und wenn man Homeoffice macht, während gleichzeitig Kinder um einen herumturnen, dann kann das ein echter Horrortrip werden. Ich erlebe junge Kollegen mit Kindern, die an der Grenze der Belastbarkeit angekommen sind. Das ist aber nicht der natürliche Homeoffice-Fall. Homeoffice kann und sollte anders sein und ich denke, viele Unternehmen fangen jetzt grade an, sich vor dem Hintergrund dieser Erfahrung zu überlegen, ob man das Homeoffice nicht systematisch ausbauen kann. Wenn man einen bestimmten Teil der Bürokapazitäten auslagern kann, ist es möglicherweise auch ein interessanter unternehmerischer Kostenfaktor. Da wird es mit Sicherheit zukünftig auch Vereinbarungen darüber geben müssen, inwieweit sich Arbeitgeber an den Kosten beteiligt, denn die Wohnungen werden möglicherweise größer, weil Arbeitnehmende in Zukunft mitberücksichtigen, dass sie zu Hause einen Platz haben, wo sie ungestört arbeiten können. Ich würde auch erwarten, dass Coworking-Spaces einen neuen Boom erleben, und zwar insbesondere dann, wenn sie in Kombination mit Kinderbetreuungsmöglichkeiten installiert werden. Das kann durchaus sehr lukrativ sein, denn man muss sich auch klar machen, dass wir ja einen unglaublichen Teil unserer Lebenszeit damit verbringen, im Auto zu sitzen und zur Arbeit zu fahren. Diese Zeit, die wir uns hier einsparen können, ist gewonnene Lebensqualität. Die Welt ist sehr facettenreich und was sich am Ende draus entwickeln wird, müssen wir abwarten. Aber auf jeden Fall hat diese Krise dazu beigetragen, uns in einen Lernprozess hineinzuwerfen, der wahrscheinlich dazu führt, dass die Welt ein bisschen besser ist als vorher, weil wir auf Möglichkeiten gestoßen sind, die unser Leben und unsere Lebensqualität verbessern. Und das, was nicht zu dieser Verbesserung beiträgt, werden wir so schnell wie möglich wieder über Bord werden.

Was glauben Sie, welche Qualifikationen, welche Skills werden wir brauchen, um von dieser Krise aus in eine Zukunft zu gehen, von der wir noch gar nicht unbedingt wissen, wie sie aussieht?

Welche Qualifikationen immer wichtiger werden, war schon vor der Krise sehr deutlich sichtbar und das wurde durch die Krise noch einmal verschärft. Es geht im Arbeitsleben tatsächlich um mehr als nur Arbeitsqualifikationen. Die Idee, dass man ein Studium absolviert, das einem allein schon den beruflichen Erfolg garantiert, ist offen gestanden naiv. Es geht um sehr, sehr viel mehr. Unsere Welt, in der wir heute leben, ist durch Komplexität gekennzeichnet. Wir befinden uns nicht mehr im Zeitalter der Massenproduktion, wo Wohlstandszuwachs zu einem ganz nennenswerten Teil durch standardisierte Massenproduktion ermöglicht wurde. In dieser Zeit ging es nicht so sehr darum, sich durch Individualität von anderen zu unterscheiden, sondern der Segen bestand darin, dass möglichst viel für alle verfügbar wurde. Die effizienteste Möglichkeit, das zu erreichen, ist tatsächlich standardisierte Fertigung und sehr strikt durchorganisierte Produktionsabläufe. Doch das ist nicht mehr die Welt von heute. Die Welt von heute ist eine, die durch einen extrem hohen kundenorientierten Anteil in der Wertschöpfung gekennzeichnet ist. In der Industrie spricht man häufig von der Losgröße 1, d.h. ein Produkt wird ganz gezielt für einen Kunden hergestellt, aber mit industriellen Methoden. Wir haben heute eine Fertigungstechnologie, die uns tatsächlich erlaubt, mit industriellen Methoden Unikate herzustellen. Das bedeutet in der Konsequenz: Neben der rein fachlichen Qualifikation brauchen wir Fähigkeiten, die man nicht unbedingt lernen kann. Darunter fällt beispielsweise die Fähigkeit, sich in jemand anderen hineinversetzen zu können, die Fähigkeit zu kommunizieren und ein Verständnis für große Zusammenhänge zu haben. Es geht auch um Verantwortungsfähigkeit, Flexibilitätsbereitschaft – und all die anderen Dinge, von denen wir unausgesprochen wissen, dass sie Teil des Erfolgs sind. Man muss sich aber in diesem Kontext klarmachen: Nicht alle Menschen sind dafür gemacht! Diejenigen, die Verantwortungsfähigkeit haben und flexibel und kommunikativ sind, denen fällt das alles sehr leicht. Ohne fachliche Qualifikationen würden sie auch nicht weit kommen, aber mit der Kombination aus fachlicher Qualifikation und den Softskills werden sie sehr weit kommen. Es gibt aber auch Menschen, die wollen das aus unterschiedlichen Gründen gar nicht – vielleicht, weil sie es nicht können oder weil sie privat andere Verpflichtungen haben, die ihnen wichtiger sind. Natürlich muss es für beide Typen berufliche Möglichkeiten geben, aber der individuelle Erfolg wird ganz maßgeblich davon abhängen, dass man Softskills hat und auch die Bereitschaft mitbringt, sie auch zu nutzen. Das ist übrigens auch gleichzeitig noch ein zusätzlicher Treiber für Ungleichheit. Deswegen geht die Schere ja auch so weit auseinander. Auf der einen Seite gibt es diejenigen, die 9 to 5 bevorzugen, keine Verantwortung übernehmen wollen und vermutlich auch keine großen Einkommensgewinne erzielen, während es die, die fachlich qualifiziert sind und ihre Softskills einsetzen, sehr weit bringen können. Dieses Spannungsfeld hat sich auch schon vor Covid-19 abgezeichnet – und das wird sich jetzt vermutlich verschärfen. Die große Herausforderung besteht darin, Menschen dabei zu unterstützen, diese Softskills für sich zu entwickeln. Man darf nicht nur auf Naturtalente vertrauen, sondern natürlich kann man ein Stückweit auch solche Fähigkeiten erlernen. Das ist, glaube ich, die große Herausforderung, vor der auch unser Bildungssystem steht. In Deutschland neigen wir immer noch zu sehr dazu, uns auf die fachliche Qualifikationsvermittlung zu beschränken. Aber im Grunde müssten wir längst erkannt haben, dass Softskills mindestens genauso wichtig sind.

In diesem Spannungsfeld entstehen dann ja auch wieder interessante Berufsperspektiven…

Ganz genau. Hier sehe ich übrigens die große Chance für Frauen. Denn genau hier weiß man aus unterschiedlichen Kontexten, dass Frauen das tendenziell besser können als Männer. Der Manager der Zukunft ist nicht unbedingt der Manager mit Ellenbogen, sondern der Manager mit Einfühlungsvermögen. Das ist die große Chance für Frauen.

Herr Prof. Schneider, ich danke Ihnen für das Gespräch!

 

Das vollständige Interview kann im Rahmen des women&work-Onlinekongresses „Jobsuche in Krisenzeiten“ als Aufzeichnung – neben 12 weiteren Interview-Modulen – angeschaut werden.