Warum denken und fühlen wir?

Unsere Gedanken sind immer unfertig. Gefühle jedoch sind – wenn gelernt haben, sie wahrzunehmen und zu erkennen – in der Essenz, im Grundgefühl, immer gleich. Lediglich der Kontext, in dem wir Gefühle empfinden, ändert sich, weswegen ich auch von „Emotional Literacy“ – einem emotionalen Kontextverständnis spreche. Was bedeutet das?

Nehmen wir das Beispiel Trauer:  Trauer spüren wir als schwere im Herzen, mache fühlen Trauer auch im Bauch. Es ist wie ein schwarzer Mantel, in den wir eingefüllt werden, aus dem wir zunächst keinen Ausweg sehen. Meistens kommen uns, wenn wir es nicht verlernt haben, die Tränen, wenn wir traurig sind. In der Trauer haben wir Momente tiefster emotionaler Empfänglichkeit und tiefster Verletzbarkeit. Manchmal sind es nur kurze, flüchtige Momente, manchmal dauert Trauer Tage, Wochen, Monate oder sogar Jahre an. Die Intensität verändert sich und die Situationen, die uns traurig machen, verändern sich. Aber wir erkennen Trauer immer als das, was sie ist: Trauer.

Mit der Liebe verhält es sich ähnlich. Liebe spüren wir körperlich an den gleichen Stellen wie Trauer – im Herzen und ganz oft auch im Bauch, als kribbelndes Gefühl vollständigen Wohlbehagens. Je nach Situation und Person, die Liebe verursachen, erhält Liebe unterschiedliche Nuancen. Von Geschwisterliebe über Elternliebe, zu der Liebe für die eigenen Kinder, der Liebe zum Partner oder der Partnerin, freundschaftliche Liebe, Tier- oder Naturliebe – Liebe, ist Liebe, ist Liebe. Lediglich der Kontext, in dem wir Liebe empfinden, ist anders, weswegen ich in diesem Fall auch vom „Love Literacy“ spreche.

Dieser fühlende Kern unseres Selbst gibt uns Sicherheit, denn diesen Gefühlen können wir vertrauen. Sie sind unverkennbar da und wenn wir es gelernt haben, können wir die einzelnen Gefühle auch sicher deuten.

Mit den Gedanken verhält es sich grundsätzlich anders. Gedanken sind flüchtig – sie sind frei und verändern sich ebenfalls von Kontext zu Kontext. Weil sie aber so flüchtig sind und wir sie ganz oft nicht „greifen“ können, sind sie viel instabiler als Gefühle und daher stürzen uns unsere eigenen Gedanken ziemlich oft in ein mentales Chaos. Allen Gedanken und Situationen schwingen aber immer auch Gefühle mit – entweder positive, negative oder neutrale Gefühle. Denn nur aus der Kombination von beiden entwickeln wir unser Weltbild.

Wenn wir jetzt Gedanken und Gefühle verbinden und zu einem echten Dreamteam machen, können wir den Kontext unserer wahrnehmbaren Welt verändern. Wir bringen Ruhe in inneres und äußeres Chaos, wenn wir mit unseren Gefühlen verbunden sind und sie in eine ausbalancierte Relation zu unseren Gedanken setzen.