Warum es ein „neues Normal“ (noch) nicht geben kann

Viel wird gesprochen und geschrieben über die „Neue Normalität“. Buzzword-gleich geistert der Begriff durch die (Social) Medien und Unternehmensflure, wird in Zoom-Sitzungen zum Thema – meistens jedoch, ohne mit Inhalt gefüllt zu werden. Tatsächlich ist das auch nicht möglich, denn das Neue und das Normale stehen sich maximal diametral gegenüber.

Wenn etwas NEU ist, dann ist es unbekannt, unerforscht, noch nie – in dieser Form – dagewesen, innovativ und zunächst zutiefst störend. Denn alles, was neu ist, passt nicht in alte Routinen, sprengt Muster und kann sogar als echtes Ärgernis und Hemmnis wahrgenommen werden. Viele Menschen, die sich mit Neuem konfrontiert sehen, lehnen es sogar ab, wenn sie das Neue nicht selbst herbei manifestiert haben, weil sie sich sehnlichst zurück in altbekannte Routinen wünschen. Das Neue zerstört zunächst immer erst einmal die Komfortzone.

Das NORMALE ist das Bekannte, das Alltägliche, das Typische und Gewöhnliche. Etwas, in das man reinschlüpfen kann wie in einen alten Hausschuh. Das Normale ist weniger ein Gesetz, sondern gesellschaftlich ist es vielmehr eine Norm, an die sich (fast) alle halten, weil es eine unausgesprochene Vereinbarung darüber gilt, was normativ – also als Richtschnur und Maßstab – für alle zu gelten hat, damit unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben funktioniert. Im Großen wie im Kleinen.

Nehmen wir also das „Neue Normal“ wortwörtlich, kann es das gar nicht geben, denn entweder ist etwas Neu – dann ist es nicht normal, oder etwas ist normal – dann ist es aber nicht mehr neu.

Wenn wir eine neue Normalität haben wollen – also eine Normalität, welche die alte ablöst – dann bekommen wir die nicht auf Zuruf, sondern nur, wenn wir uns darüber austauschen, diskutieren und einen gemeinschaftlichen Konsens darüber treffen, wie unsere Normalität aussehen soll.

Damit wir das tun können, müssten wir aber zunächst definieren, wie die alte Normalität aussah. Was hat uns an der alten Normalität gefallen (oder auch nicht)? Welche Werte, Normen und Übereinkünfte gab es in der alten Normalität – und welche davon sollen in die neue Normalität übernommen werden? Von welchen Traditionen und Gewohnheiten können und wollen wir uns aber auch trennen?

Ich finde es persönlich sehr gefährlich, die „Neue Normalität“ als Schlagwort unerklärt und unausgefüllt zu lassen, denn so entsteht leicht der Eindruck, die „Neue Normalität“ entstünde „einfach so“. Und genau das wäre der falsche Eindruck – und es wäre tatsächlich auch schädlich, wenn alles das, was derzeit neu ist, „einfach so“ zur Normalität würde. Denn nicht alles, was neu ist, ist immer auch gleich langfristig und nachhaltig gut!

Normalität ist etwas, das durch einen gesellschaftlichen, kollektiven Prozess, durch Streit, Reibung und Meinungsvielfalt entsteht, damit die Normalität etwas sein kann, von dem möglichst viele profitieren, mit dem sich möglichst viele identifizieren können – und das möglichst wenige VerliererInnen erzeugt.

Nach dem 2. Weltkrieg gab es ein solches Ringen, als beispielsweise das Grundgesetz formuliert wurde und man gemeinschaftlich überlegt hat, auf welchen Pfeilern ein gesundes, demokratisches Miteinander möglich ist.

Die letzten 8 Monate des Jahres 2020 haben an den Pfeilern eben dieses mühsam ausgehandelten Grundgesetzes, aus dem sehr viele – selbstverständliche – Normen des Zusammenlebens entstanden sind, massiv gesägt. Allein deshalb brauchen wir einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs darüber, welchen Stellenwert unsere Grundrechte zukünftig wieder haben sollen – und haben müssen. Wo nehmen wir die Verletzungen zurück, die an den Rechtsgütern aller Menschen entstanden sind? Und wann fangen wir damit endlich an?

Die heraufbeschworene neue Normalität wäre viel gemeinschaftliche Arbeit. Wir müssen die Entscheidung darüber treffen, ob wir bereit sind, diese Arbeit auf uns zu nehmen. Falls nicht, sollten wir aufhören, von einer neuen Normalität zu sprechen.