Dealing with VUCA

VUCA

Zukunftsperspektiven in einem auslaufenden Kondratieff-Zyklus

(© Melanie Vogel) Basisinnovationen sind Auslöser von langen Konjunkturwellen, die Wohlstand und Wachstum mit sich bringen. Gleichzeitig sprengen sie die technologischen Grenzen und erhöhen die Komplexität der Weltwirtschaft. Der Harvard-Professor Joseph A. Schumpeter nannte  diesen Prozess „Schöpferischen Zerstörung” und benannte die „langen Wellen der Konjunktur” nach ihrem Entdecker, dem russischen Ökonom Nikolai Kondratieff. Die jedem „Kondratieff-Zyklus” zugrunde liegenden Basisinnovationen sind eine direkte Reaktion auf Knappheiten und Produktionsengpässe, die unsere Welt auch heute, am Ende des 5. Kondratieff-Zyklus‘, dominieren. Die Antworten darauf lauten: Digitalisierung und Industrie 4.0. Sie läuten eine (R)Evolution von Wirtschaft und Gesellschaft ein.

Die System-(R)Evolution

Der Ökonom Joseph A. Schumpeter veröffentlichte vor über 70 Jahren sein Werk „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“, das heute zu den Klassikern der Wirtschaftsliteratur gehört. Ein Klassiker deshalb, weil Schumpeter im 7. Kapitel seines Buches den Begriff der „schöpferischen Zerstörung“ einführt, der bis heute ein Sinnbild für disruptive Innovationen darstellt. Disruptiv und damit „schöpferisch zerstörend“ sind Innovationen dann, wenn sie die Kraft entfalten, bestehende Technologien komplett vom Markt zu verdrängen und sie in hohem Maße das Tempo und die Richtung des Innovationsprozesses quer durch die Wirtschaft bestimmen. Im besten Fall führen sie zu einer gesamtwirtschaftlichen Welle wirtschaftlicher Entwicklung mit der Entstehung vieler neuer Arbeitsplätze und lösen einen erheblichen Strukturwandel in Wirtschaft und Gesellschaft aus. Häufig – aber nicht immer – entstehen disruptive Innovationen dort, wo sich bestimmte Knappheiten aufstauen, die die Produktivität hemmen und damit das Wirtschaftswachstum niedrig halten oder gar blockieren.

Industrie 4.0 reagiert auf Produktivitätsengpässe und Knappheiten. Die Kapazitäten des Menschen sind beschränkt. Beschränkt deswegen, weil jede Form von Routine-Tätigkeiten – egal ob auf geistiger oder körperlicher Ebene – fehleranfällig sind und uns auf Dauer krank machen können. Maschinen sind seit Beginn der Industriellen Revolution ein probates Mittel, Knappheiten und Produktivitätsengpässe zu bekämpfen. Und in den letzten 250 Jahren sind die Maschinen nicht nur schneller und effektiver geworden – mittlerweile lernen sie auch mit sich selbst und den Menschen real und digital zu kommunizieren.

Die venezolanische Wissenschaftlerin Carlota Pérez untersucht seit vielen Jahren die Kondratieff-Zyklen und bezeichnet diese Zyklen auch als „techno-ökonomischen Paradigmenwechsel“ – einem Wechselspiel aus der technisch-wirtschaftlichen Sphäre und der sozio-institutionellen Sphäre.

Wenn beide Sphären aufeinander abgestimmt sind und in die gleiche Richtung weisen, ist stabiles Wachstum über mehrere Jahrzehnte möglich. Klaffen die technisch-wirtschaftliche und die sozio-institutionelle Sphäre scherenartig auseinander, kann ein kontinuierlicher Aufschwung nicht stattfinden, da beide Sphären disharmonisch voneinander entkoppelt sind. Wirtschaft und Gesellschaft laufen quasi in entgegengesetzte Richtungen oder verharren an unterschiedlichen Punkten der Anpassung an veränderte Situationen. Wirtschaft, Gesellschaft, Technik und Individuum verharren an unterschiedlichen Punkten der Anpassung. Strukturelle Instabilität ist die Folge. Die Welt wird VUCA.

Unsere Welt ist VUCA

VUCA steht für:

  • V = Volatil (volatility)
    Die Natur und die Dynamik des Wandels entfalten enorme Kräfte und sind Katalysatoren für radikale Veränderungen.
  • U = Ungewiss (uncertainty)
    Der Mangel an Berechenbarkeit, das Maß an unkontrollierbarer Überrumpelung und ein fehlendes Gefühl von Bewusstsein und Verständnis für Themen und Ereignisse sorgen für Ungewissheit.
  • C = Komplex (complexity)
    Die Dynamik unserer Systeme multipliziert sich, während die Vernetzung gleichzeitig für Chaos und Verwirrung sorgt. Gesellschaften, Unternehmen aber auch das individuelle Leben bieten Multioptionen und Multikomplexität.
  • A = Mehrdeutig (ambiguity)
    Es gibt keine einfachen Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge mehr. Die Realität ist verwirrend, oft unverständlich und in keiner Weise mehr planbar. Missdeutungen und Fehlinterpretationen nehmen zu, denn sehr häufig bricht die Verbindung zwischen Handeln und Wissen ab.

Eine VUCA-gewordene Welt verlangt von Mensch und Unternehmen Anpassung im Akkord. Auf die Unternehmen bezogen heißt das:

  • V = Volatil (volatility)
    Die Kunden von heute sind nicht mehr zwangsläufig auch die Kunden von morgen. Auch die Quellen des Wettbewerbs sind nicht mehr eindeutig zu lokalisieren. Die elementare Frage in einer VUCA-Welt lautet: Wer sind unsere Kunden und Wettbewerber von morgen? Weil auf diese Frage schon lange keine klaren Antworten mehr erfolgen können, nimmt der Innovationsdruck in den Unternehmen rasant zu und wird auch noch weiter ansteigen. Unternehmen müssen sich diversifizieren – und sie müssen das schnell tun.
  • U = Ungewiss (uncertainty)
    Weil Kunden und Wettbewerber nicht mehr eindeutig lokalisierbar sind, nimmt die Ungewissheit über Marktentwicklungen zu. Das stürzt selbst umsichtige Unterneh-menslenker in ein Dilemma: Sie müssen mit dem Worst-Case rechnen und auf den Best-Case hinarbeiten. Eine der Kernfragen lautet: Womit und mit wem werden Unternehmen in Zukunft noch ihr Geld verdienen können?
  • C = Komplex (complexity)
    Eine hoch komplexe, in sich verzahnte und dabei elementar anfällige weltweite Verflechtung von Wirtschaftskreisläufen, denen ein politisch und rechtlich verlässlicher globaler Rahmen grundlegend fehlt, sorgt bei jedem einzelnen Unternehmen dafür, dass Unternehmenslenker jederzeit in mehrere Richtungen denken müssen. Mentale Agilität wird zu einer Kernkompetenz.
  • A = Mehrdeutig (ambiguity)
    Fehlen Ursache-Wirkungszusammenhänge und verfehlen bisher bekannte und erfolg-reiche Geschäftsmodelle plötzlich ihre Wirkung, sind Unternehmen zunehmend öfter gezwungen, nach individuellen Lösungen zu suchen. Das Lernen von Best-Practice, die Know-how-Vertiefung durch Erfahrung ist nicht mehr zwingend von Erfolg gekrönt. Je schneller sich die Welt verändert, umso radikal endlicher wird unser (Erfahrungs-)Wissen. Der Standard von heute ist das Optimum von gestern.

Bis ein System (egal, ob ein gesellschaftliches oder ein unternehmerisches System) wieder strukturell kohärent ist, sprich: die technisch-wirtschaftliche und die sozio-institutionelle Sphäre wieder im Einklang sind, müssen Störfaktoren und Beharrungskräfte überwunden werden. Und die Veränderungen, die im Kielwasser technologischer Revolutionen notwendig sind, sind tiefgreifender und umwälzender als alles, was die große Mehrheit der an diesem Prozess beteiligten Menschen je erlebt hat. Es gibt daher keine Erfahrungen und keine bewährten Rezepte, die als Leitlinien herangezogen werden können. Der Transformationsprozess vollzieht sich ganz häufig aufgrund von Versuch und Irrtum.

 

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch von Melanie Vogel „Futability® – Wie Sie Veränderungen und Transformationen bewältigen und selbstbestimmt gestalten

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