Interview: „Das anständige Unternehmen“ #ChangeManagement #Leadership #Sprenger

Reinhard K. SprengerIm Windschatten von „Industrie 4.0“ und „Arbeiten 4.0“ knirscht es in vielen Unternehmen gewaltig: Demotivation, hohe Krankenstände, Unzufriedenheit und Produktivitätsverluste machen deutlich, dass es zwischen Management und Belegschaft irgendwie nicht „rund“ läuft. Das sieht auch Reinhard K. Sprenger so. Der Bestseller-Autor und Management-Experte kritisiert nicht nur ein Übermaß an Fürsorglichkeit und Grenzüberschreitungen, sondern auch den Verlust von Frei- und Spielräumen. Heute erscheint sein neues Buch „Das anständige Unternehmen“. Ich habe die Möglichkeit gehabt, ihm schon vorab einige Fragen zu stellen.

NAME: Dr. Reinhard K. Sprenger
BERUF: Autor, Berater
Drei Wörter/Eigenschaften, die mich beschreiben: freiheitsliebend, entmündigungsfeindlich, vaterfreudig
Mein Lieblings-Gadget/meine Lieblings-App: Fender Telecaster von 1961
Meine Lieblingswebseite: www.jacksonbrowne.com
Meine eigene Webseite: www.sprenger.com

Herr Sprenger, heute erscheint Ihr Buch „Das anständige Unternehmen“. Der Titel macht mich neugierig: Was verstehen Sie denn unter einem anständigen Unternehmen?
Ein Unternehmen, das nicht autistisch ist, sich nicht zum Selbstzweck setzt, das gegenüber dem Mitarbeiter Distanz wahrt, ihm als Verhandlungspartner auf Augenhöhe begegnet, ihn als Erwachsenen und Individuum ehrt, ihm Vertrauen entgegenbringt und seine Autonomie nicht übermäßig einschränkt.

Sie prangern ein Übermaß an Zudringlichkeit an. Ab wann beginnt den in Ihren Augen Zudringlichkeit von Seiten der Führung und wo ziehen Sie die Grenze?
Es gab mal eine Zeit, da galt: Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Damit beschrieben war das wohltätig Trennende von Grenzen. Heute macht man sich über Grenzziehung kaum mehr Gedanken – die Tendenz geht zur Totalinklusion von Hand, Herz und Hirn. Übergriffig wird es vor allem dann, wenn Gesinnung genötigt wird, wenn der Dialog durch die Forderung nach Identifikation ersetzt wird, wenn der Kollektivsingular „Personal“ fürsorglich belagert wird. Echte Menschlichkeit und Sorge ist aber niemals bevormundend, sondern setzt an der Unverwechselbarkeit und Unverstehbarkeit des Einzelnen an.

Ein fürsorgliches Unternehmen ist doch ein angenehmer Arbeitgeber – oder nicht?
Man mag darüber streiten, ob ein Arbeitgeber angenehm ist, der mich fortwährend nötigt, Feedback zu geben, an Mitarbeiterbefragungen teilzunehmen, mir Ziele vor die Nase hängt und mich dauernd auf die Schulbank drückt. Und man wird fragen dürfen, welches Menschenbild sich in der Motivationsförderung, der Frauenförderung oder der Mitarbeiterbindung artikuliert. Es ist jedenfalls nicht von Respekt und Ernstnehmen geprägt, sondern von Infantilisierung und Herabziehung. Viele Menschen spüren das, machen aber dennoch mit, weil es bequem ist, Vorteile verspricht, chic ist oder schlicht zu mühsam, sich zu wehren. Irgendwann ist man umschlossen von invasiver Eingreiflogik und Erniedrigungsbürokratie.

In unserer Welt verschwimmen die Grenzen zwischen „Arbeit“ und „Privat“ immer mehr. Wie können wir uns der Gefahr der emotionalen Vereinnahmung entziehen?
Wir müssen zunächst einmal die Übergriffigkeiten als solche erkennen und in ihren psychologischen Wirkungen verstehen. Das Perfide ist ja, dass viele Institutionen und Instrumente der Unternehmen sich vernünftig, ja sogar menschenfreundlich garnieren. Weshalb die Entmündigten ihre Entmündigung oft nicht wahrhaben wollen. Die Soziologie spricht von „shifting baselines“ – es ist nur eine Frage der Zeit, bis immer neue Überwachungstechniken und Kanalisierungspraktiken gesellschaftlich akzeptiert werden. In Verbindung mit unserer Bequemlichkeit und Unterwerfungsbereitschaft bringt das eine Gesellschaft hervor, in der der aufrechte Gang nur noch eine anthropologische Verirrung ist.

Sie plädieren dafür, im Management wieder vieles bleiben zu lassen. Das wird manch ein Unternehmen bekümmern, das gerade viel Zeit und Geld in die Führungskräfteentwicklung gesteckt haben. Haben diese Unternehmen jetzt alles falsch gemacht?
Ich argumentiert nicht grundsätzlich gegen Führungskräfteentwicklung, sondern gegen eine zentralisierte, oktroyierte und normativ enggeführte Verhaltens- und Einstellungszurichtung. Man spricht ja immer von „Lernen“, meint aber „Anpassen“. Anpassen an ein von außen gesetztes Idealsoll. Die Ermöglichung individueller Potenzialentfaltung im Sinne von Ausweitung menschlicher Fähigkeiten ist etwas vollständig anderes. Dafür muss man viele Dinge im Unternehmen wegräumen, entrümpeln. Bewegung braucht Raum.

Menschen streben intrinsisch nach Autonomie und Selbstbestimmtheit, belohnt wird aber sowohl in der Gesellschaft als auch in den Unternehmen häufiger das angepasst sein. Wie können wir diesem Dilemma entrinnen?
Das ist nicht entrinnbar. Wahrheit findet sich ja immer nur im Widerspruch, allenfalls im Mehr-oder-Weniger. Und Autonomie ist ja die freie Wahl der Abhängigkeit. Wir sind das ganze Leben hindurch angewiesen auf andere, auf soziale Rahmenbedingungen, auf Herkünfte. Krank macht nur unsere Einstellung dazu, vor allem die Illusion des Entweder-Oder und der vollständigen Unabhängigkeit. Wir müssen vielmehr einen kreativen Umgang mit unserer unvermeidbaren Unabhängigkeit lernen.

Industrie 4.0 aber auch der demografische Wandel und die stetig fortschreitende Digitalisierung werden unsere Gesellschaft, die Unternehmen und damit auch die Arbeitswelt weiter verändern. Das könnte eine große Chance sein, endlich längst überfällige Veränderungen einzuleiten. Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, welche Veränderungen würden Sie am liebsten sehen wollen?
Da will ich Sie enttäuschen – es gibt keine längst überfälligen Veränderungen. Es mag Phasenverzögerungen geben, aber die Veränderungen werden sich einstellen, wenn sie notwendig sind. Wenn also eine Not zu wenden ist. Aber offensichtlich ist gegenwärtig die Not nicht groß genug; wenn wir leiden, dann allenfalls unter der Not der Notlosigkeit. Dennoch wünsche ich mir in der Gesellschaft und in der Wirtschaft eine Führung, die sich nicht permanent in den Vordergrund schiebt, die man nicht spürt, die sich zurückhält, die nicht auf jedes Gestaltungsproblem mit einer Alternativvernichtung reagiert. Das anständige Unternehmen hat genau eine solche Führung.

Und zum Schluss noch ein kleines Spiel. Ich sage Ihnen einen Begriff und Sie sagen mir, was Ihnen als erstes dazu durch den Kopf geht:

  • Flexibilität: ohne Stabilität nicht zu haben
  • Innovation: ist das, was überall sein möge, nur nicht bei einem selbst
  • Anpassungsfähigkeit: Überleben
  • Kreativität: dem Unternehmen wesensfremd
  • Veränderung: will nur ein nasses Baby
  • Angst: zu unterscheiden von Furcht
  • Zukunft: never comes
  • Deutschland: Fussball
  • Ich: unbekannt
  • Beruf: einem Ruf folgen

Das Buch:

Das anständige UnternehmenReinhard K. Sprenger
Das anständige Unternehmen: Was richtige Führung ausmacht – und was sie weglässt
Verlag: DVA Sachbuch
ISBN: 978-3-421-04706-9

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