Interview: „Schlau statt perfekt“ | #Perfektionismus | #80Prozent

Schlau statt perfektDas Thema Überforderung ist allgegenwärtig. Gerade zum Beginn eines neuen Jahres sind nicht wenige Neujahrsvorsätze darauf ausgerichtet, auf eine bessere Work-Life-Balance zu achten. Und das bedeutet oft: Stress aus dem Job herausnehmen, Druck reduzieren und besser auf sich selbst zu achten. Stefan Fourier liefert in seinem aktuellen Buch Denkanstöße, wie wir der Perfektionsimusfalle entgehen können und damit – auch – Stress reduzieren.

NAME:  Stefan Fourier
BERUF: Physiker, Unternehmer, Autor, Unternehmensberater, Mentor
Drei Wörter/Eigenschaften, die mich beschreiben: neugierig, gewissenhaft, Menschenfreund
Mein Lieblings-Gadget/meine Lieblings-App: iBooks
Meine Lieblingswebseite: die meiner Bank
Meine eigene Webseite: www.fourier.de

Herr Fourier, Sie haben vor einigen Wochen ein Buch darüber veröffentlicht, wie man der Perfektionismusfalle entgehen kann. Was genau verstehen Sie darunter?
Perfektionismus ist die zwanghafte Vorstellung, immer alles perfekt machen zu müssen, perfekt sein zu müssen. Menschen sind dafür unterschiedlich stark anfällig, in Ansätzen aber ist dagegen kaum jemand völlig immun. Und so kommt es bei manchen Menschen dazu, dass sich der ohnehin schon hohe Arbeits- und Leistungsdruck auf unerträgliche Weise aufschaukelt. Mit all den bekannten Nebenerscheinungen, wie Schlaflosigkeit, Depression und Burnout.

Woran kann man merken, dass man in einer solchen Falle steckt?
Das Tückische daran ist, dass man es selbst kaum bemerkt. Man steckt in den „normalen“ Belastungen seines Alltags und versucht, alles perfekt zu erledigen. Man hängt hier und da noch eine Stunde dran, strengt sich noch mehr an und ärgert sich jedes Mal ein kleines bisschen mehr, wenn etwas nicht perfekt gelingt. Man schleicht sich sozusagen in die Falle hinein. Wenn man erst einmal drin steckt, ist es wie mit jeder Falle: Man kommt ohne Hilfe nicht mehr raus.

Nun ist unsere Welt sehr schnelllebig, komplex und mehrdeutig geworden. Mit welchen Tipps und Tricks ist Ihrer Meinung nach das Chaos zu bewältigen?
Genau das ist der Punkt. Je schneller unsere Welt sich dreht, je komplexer sie wird, desto größer wird der Anforderungsdruck. Wir nehmen wachsende Komplexität an sich nicht wahr, sondern fühlen nur den wachsenden Druck, am Arbeitsplatz vor allem, aber auch in unserer Freizeit und im Familienleben. Es gibt drei reflexhafte Reaktionen auf wachsenden Druck: Erstens: Ausreißen, alles hinschmeißen – ist für die meisten Menschen keine machbare Alternative. Zweitens: Mehr Arbeiten – führt tiefer in die Falle hinein. Drittens: Priorisierung, Nutzung von Organisationshilfen, Zeitmanagement, Planungstools, Kennziffern und stärkere Selbstkontrolle – wird vor allem im Berufsumfeld gemacht, bringt mitunter anfangs Entlastung, führt aber nach kurzer Zeit zu noch mehr Aufgaben. Und dann wächst der Druck wieder und die Spirale dreht sich weiter. Wir sitzen also in einem echten Dilemma!

Aus dem gefühlten Chaos, was die Schnelllebigkeit verursacht, entsteht oft der Wunsch, sich abzusichern – oft auch durch besonders gute Leistungen. Wie kann man sich denn Ihrer Erfahrung nach aus diesem Dilemma befreien?
Weniger oder schlechtere Leistungen können in der Tat nicht die Lösung sein, denn das hätte für den Betreffenden sicherlich unangenehme Folgen. Wir alle, die Unternehmen, jeder Einzelne und die Gesellschaft, brauchen gute Leistungen. Es geht darum, diese geforderten und notwendigen Leistungen mit weniger Aufwand zu bringen. Ich stelle nicht die Leistungsanforderung in Frage, denn die ist meistens objektiv gesetzt. Sondern ich mache auf die Notwendigkeit und die Möglichkeiten aufmerksam, mit weniger Aufwand die gleiche Leistung zu bringen. Diese Möglichkeiten stecken nicht im Einzelnen, der mehr oder besser arbeiten muss oder eben perfekt sein soll, sondern in unserem Umfeld. In der Art, wie wir zusammenarbeiten, wie wir uns unterstützen, die Bedingungen unserer Arbeitswelt gestalten. Kurz gesagt: Es sind die Möglichkeiten unserer sozialen Systeme, die wir nutzen können. Gemeint sind damit nicht die Sozialsysteme, Versicherungen und so weiter, sondern unsere Umwelten, die Menschen, Organisationen und Netzwerke um uns herum. Und da gibt es viele Möglichkeiten, die ich in meinem Buch beschreibe. Und darüber hinaus noch viele mehr.

Sie plädieren in Ihrem Buch dafür, auch mit 80 Prozent zufrieden zu sein. Das bedeutet unter Umständen aber auch, die Komplexität einer Aufgabe oder Situation nicht komplett erfasst zu haben. Wie sollte man damit umgehen?
Gut, dass Sie die Frage so stellen! Genau dafür plädiere ich in meinem Buch nämlich nicht, denn niemand kann mit 80 Prozent Leistung zufrieden sein. Man kann es nicht oft genug sagen: Wir brauchen 100 Prozent Leistung, oder mehr! Daran führt kein Weg vorbei und in diesem Punkt kann es auch keine Kompromisse geben. Es geht darum, dieses Leistungsniveau mit weniger persönlichem Aufwand zu erreichen. Und der Schlüssel dazu liegt in den vielen ungenutzten Möglichkeiten der verschiedenen sozialen Systeme, in denen wir leben. In den Unternehmen, in unseren Freizeitwelten und in den Familien kann besser zusammengearbeitet werden, dort können wir uns Unterstützung holen. Es kann besser gelingen, den Sinn unseres Tuns zu verdeutlichen und sich genau darauf zu konzentrieren. Wenn es uns gelingt, die Bedingungen und Regeln unseres Arbeitens vernünftig zu gestalten, dann wird für jeden Einzelnen die Arbeit leichter werden. Es geht darum, das Funktionieren der sozialen Systeme zu verstehen, die Mechanismen und Gesetzmäßigkeiten darin, und diese dann besser zu nutzen.

Wenn Perfektion nicht die ultimative Erfolgsformel ist, was macht dann heute und in Zukunft den Erfolg von Unternehmen aus?
Das Streben nach Perfektion dürfen wir nicht aufgeben. Aber es muss um die Perfektion der abgelieferten Leistungen gehen und nicht um die Perfektion der Menschen. Dieser Anspruch treibt in den Perfektionismus mit all seinen schädlichen Auswirkungen. Und in puncto Perfektion müssen wir uns immer vor Augen halten, dass sie eher ein Ideal darstellt, in letzter Konsequenz jedoch nicht erreichbar ist. Also sollte uns bei der Zielsetzung „Perfektion“ auch ein Stück Gelassenheit gut zu Gesicht stehen. Wenn Unternehmen es hinbekommen, die volle Leistung mit 80 Prozent Ressourceneinsatz der Mitarbeiter zu erreichen, dann sind sie wettbewerbsfähig, die Menschen bleiben gesund und leistungsfähig, haben Freude bei der Arbeit. Das ist Erfolg!

Mit dem Thema „Industrie 4.0“ besteht nun die Gefahr, dass Unternehmen die weniger „perfektionierten“ Menschen durch perfektionierte Roboter oder Software-Programme ersetzen. Welche Aufgaben und welchen ökonomischen Platz werden Menschen Ihrer Meinung nach in Zukunft haben?
Wenn man „Industrie 4.0“ – oder wie immer man das nennen will – richtig versteht, wird sehr schnell klar, dass der Einsatz von Robotern und Software keine Gefahr darstellt. Zwar rückt dadurch der Mensch ein weiteres Stück aus den unmittelbaren Produktionsprozessen heraus, aber er wird dadurch wichtiger. Die Tragweite seiner Entscheidungen und Eingriffe in die Produktionsprozesse wächst. Auch eine vollautomatisierte Produktionsstraße kommt ohne menschliche Eingriffe nicht aus. Stichworte sind Programmierung, Wartung, Störungsbeseitigung, Planung. Selbstverständlich werden sich die betroffenen Mitarbeiter auf solche erweiterten Tätigkeiten vorbereiten müssen. Aber Weiterbildung und Qualifizierung sind zutiefst menschliche Bedürfnisse. Und außerdem wird in den Unternehmen genau dafür auch gesorgt werden. Ich weiß, dass es dazu in vielen Industrieunternehmen, aber auch bei der IG Metall, bereits sehr konkrete Überlegungen und Planungen gibt.

Und zum Schluss noch ein kleines Spiel. Ich sage Ihnen einen Begriff und Sie sagen mir, was Ihnen als erstes dazu durch den Kopf geht:

  • Flexibilität: natürliches Bedürfnis
  • Innovation: spannend
  • Anpassungsfähigkeit: selbstverständlich
  • Kreativität: glücklich unkontrolliert
  • Veränderung: herausfordernd
  • Angst: wichtig
  • Zukunft: hell
  • Deutschland: Heimat
  • Ich: an zweiter Stelle
  • Beruf: das, was ich am liebsten am liebsten mache
  • Bedingungsloses Grundeinkommen: interessant, mischt die Karten neu
  • Maschinensteuer (auch: Automatisierungsdividende): Unsinn

 

Das Buch:

schlau statt perfektStefan Fourier
Schlau statt perfekt

Verlag: Business Village
ISBN: 978-3869803289

>> Buch bestellen

 

 

 

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