Auch Albert Einstein war nicht unfehlbar

Albert Einstein war ein Jahrhundert-Genie. In meinem aktuellen Buch „Der Neugier-Code“ habe ich seinen Werdegang mit dem von Leonardo da Vinci verglichen und erstaunliche Parallelen festgestellt. Doch Einstein war nicht unfehlbar. Er war ein Mensch wie Sie und ich – und auch er irrte sich.

Einstein war als Wissenschaftler ein echter Regelbrecher und Pionier. Seine Ideen zwangen uns, unser Verständnis vom Universum neu zu definieren und unsere Vorstellung von Raum und Zeit zu überdenken. Doch der Nobelpreisträger war nicht unfehlbar – und es wäre schlimm, wenn er es gewesen wäre, denn das hätte gezeigt, dass er seine Genialität nicht vollumfänglich ausgeschöpft hätte. Jeder von uns, der kreativ und innovativ unterwegs ist, testet Ideen – oft intuitiv – und wenn sich einige von ihnen als falsch herausstellen, passt man sich an und probiert andere Ansätze aus. So funktioniert Forschung und Wissenschaft – für jeden von uns!

Einstein selbst irrte sich vier Mal gewaltig:

  1. Die Kosmologische Konstante – Λ: Zu Einsteins Zeit war man noch davon überzeugt, das Universum sei statisch. Einstein versuchte, ein statisches, homogenes Universum in eine konsistente Theorie einzubetten. So (er)schuf er – mehr aus ästhetischen Gründen – die kosmologische Konstante. Als Edwin Hubble 1929 nachweisen konnte, dass sich das Universum tatsächlich ausdehnt, verwarf Einstein seine kosmologische Konstante „als größte Eselei seines Lebens“. Doch Einstein irrte sich, denn bereits der belgische Kosmologe Abbé Georges Lemaître erkannte, dass man auf Einsteins Λ-Term nicht ohne weiteres verzichten konnte. Zahlreiche weitere Beobachtungsdaten aus der Gegenwart zeigen, dass sich das Universum sogar beschleunigt ausdehnt. Astrophysiker glauben mittlerweile, dass Einsteins Konstante ein regelrechter Geniestreich gewesen sein könnte, denn sie vermuten, dass die Konstante möglicherweise dunkle Energie ist, also die theoretische Kraft, die die Expansion des Universums verursacht. Einsteins Intuition war also keine „Eselei”.
    Einstein folgte einer Intuition, die er weder erklären, noch mit Zahlen, Daten und Fakten belegen konnte. In unserer heutigen zahlen- und ergebnisgetriebenen Welt hat Intuition an Bedeutung verloren. Das ist nicht gut, denn Intuition ist einer der wichtigsten – vielleicht sogar der wichtigste – Riecher für bahnbrechende Innovationen.
  2. Quantenmechanik: Einstein war maßgeblich an der Entwicklung der Quantenmechanik beteiligt, dem Gebiet der Physik, das das Verhalten subatomarer Teilchen beschreibt. Mit seinem 1905 veröffentlichten Aufsatz über den photoelektrischen Effekt gewann er den Nobelpreis und hatte damit einen starken Einfluss auf die Entwicklung der Quantenmechanik. Und doch war ihm die Quantenmechanik für ihre mysteriösen und schwer zu beweisenden Ideen regelrecht suspekt. Berühmt geworden ist sein Ausspruch „Gott würfelt nicht“, mit dem er das Zufallselement in der Quantenphysik verdammte. Aber Einstein irrte. Inzwischen ist klar, dass unsere Realität nicht lokal ist. Die Wirkung einer Aktion ist nicht auf ihre unmittelbare Umgebung beschränkt, sondern kann quantenmechanisch beliebig weit in den gesamten Kosmos hinausreichen. Interessanterweise hätte Einstein seine eigene Theorie wiederlegen können, denn einige Versuche, die er unternahm, wiesen bereits in die richtige Richtung. Doch für Einstein waren die sich aus der Quantenmechanik ergebenden Konsequenzen für sein damaliges Weltbild kaum zu begreifen.
    Das passiert uns übrigens auch, wenn wir Ideen aus der Vergangenheit wieder aufgreifen, sie plötzlich umsetzen und uns fragen, warum wir das nicht damals schon gemacht haben. „Damals“ war unser Weltbild ein anderes – unser Gehirn und unsere Erfahrungen waren noch nicht bereit, eine Idee dieser Tragweite umzusetzen – und vielleicht fehlten uns damals auch Umsetzungskomponenten, die heute selbstverständlich vorhanden sind. Daher lohnt es sich, Ideen nie ganz zu verwerfen, sondern sie auf einem Ideenparklatz abzustellen.
  3. Gravitationswellen: Gravitationswellen sind Schwingungen oder Wellen in Zeit und Raum, die durch massive Raumereignisse wie die Bewegung von Neutronensternen oder Schwarzen Löchern hervorgerufen werden. Supernovae oder kollidierende Schwarze Löcher würden die stärksten dieser Wellen verursachen. Am 22. Juni 1916 hielt Albert Einstein einen Vortrag in der Preußischen Akademie der Wissenschaften und referierte über Gravitationswellen, die sich direkt aus der von ihm entwickelten Allgemeinen Relativitätstheorie ergeben sollten. Doch an seine kühne Idee glaubte er selbst nicht, denn er dachte, dass die Wellen unglaublich schwer zu messen sein würden und bezweifelte sogar die Existenz von schwarzen Löchern. Im Jahr 2015, 100 Jahre nach Einsteins Vorhersage, gelang es Wissenschaftler jedoch erstmals, Gravitationswellen zu messen. Für ihre Entdeckung wurden die beteiligten Wissenschaftler, die US-Physiker Rainer Weiss, Kip Thorne und Barry Barish, 2017 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.
    Albert Einstein ist ein faszinierendes Beispiel dafür, dass Fantasie unseren Geist immer überflügeln kann – wenn wir es zulassen. Und er ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass kühne Ideen Zeit brauchen – und ihrer Zeit oft sehr weit voraus sind. Kühne Ideen und Fantasien deshalb zu verwerfen, wäre nicht gut. Vielmehr brauchen wir Zeit, Ruhe und Geduld, um sie umzusetzen – auch in den Unternehmen.
  4. Bau der Atombombe: 1939 setzte sich Einstein bei Präsident Roosevelt für den Bau der Bombe in den USA ein, weil er befürchtete, Nazi-Deutschland könnte eine solche Bombe entwickeln und nutzen. Doch Deutschland baute keine Atombombe. Seiner Bitte, nach der Kapitulation Deutschlands auf den Einsatz von Atombomben zu verzichten, schenkte man keine Beachtung. Als die USA 1945 zwei Atombomben über Japan abwarfen, war der bekennende und überzeugte Pazifist tief betroffen und bis an sein Lebensende von Schuldgefühlen geplagt.

Die ersten drei Beispiele sind ein perfekter Beweis dafür, dass uns Neugier, Fantasie und Intuition uns weit bringen können, wenn wir

  • zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind und
  • genügend Zeit, Geduld und Spucke mitbringen, um kühnen Ideen Raum zum Wachsen zu lassen.

Übrigens hätten Einstein die neuen Innovationsmethoden wie Prototyping oder Design Thinking an dieser Stelle nicht geholfen. Seine Ideen waren so kühn, dass sie sogar für sein eigenes, schon sehr ausgedehntes Weltbild, zu groß waren. In solchen Fällen hilft tatsächlich nur: ein langsames Rantasten und die Erkenntnis, das unser Gehirn vor allem ZEIT braucht, um an unsere Fantasie anschließen zu können.

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