Interview: Die DNA der #Rulebreaker

Sven Gabor JanszkySven Gabor Janszky, Trendforscher, Journalist und Referent, ist Leiter des 2b AHEAD ThinkTanks und versammelt jährlich 250 Innovationschefs, um Businessszenarien der Zukunft zu entwickeln. Ich freue mich ganz besonders, dass er in diesem Interview  Einblicke in die „DNA der Rulebreaker“ gibt.

NAME: Sven Gabor Janszky
BERUF: Zukunftsforscher, Strategieberater
Drei Wörter/Eigenschaften, die mich beschreiben: fordernd, unabhängig, strategisch
Mein Lieblings-Gadget/meine Lieblings-App: Twitter
Meine Lieblingswebseite: www.google.com
Meine eigene Webseite: www.2bahead.com

Herr Janszky, Sie sind Trendforscher und Direktor des 2b AHEAD ThinkTanks. Wie forscht man nach Trends?
So wie wir die Zukunftsforschung betreiben, ist sie hochwissenschaftlich. Wenn Sie über unsere Methoden lesen, etwa die Delphi-Methode oder die Zukunftsszenarien, dann fühlen Sie sich wie im Methodenseminar der qualitativen Sozialforschung. Einfach gesagt: Wir befragen diejenigen CEOs, CTOs und Strategiechefs aus allen Branchen, die mit ihren heutigen Entscheidungen die Grundlage dafür legen, in welche Technologien, Geschäftsmodelle und Trends in den nächsten zehn Jahren investiert wird. Wenn Sie verstehen, welche Trends die heute treiben, warum und mit welcher Erwartungshaltung, dann sehen Sie in Schnittmenge, welche Trends getrieben werden und welche nicht. Dies ist unser Maßstab. Allerdings muss man sagen, dass es in meiner Branche nach wie vor auch einige selbsternannte Trendforscher gibt, deren Methode darin besteht, den eigenen Geschmack und die eigenen Werte als Trend zu postulieren. Das macht die Abgrenzung der seriösen und der unseriösen Trendforscher manchmal schwer.

Was haben Ihre bisherigen Forschungen ergeben? Welche Trends werden unser Leben in 10 Jahren prägen?
Die größte und dauerhafte Veränderung in Deutschland wird in den kommenden zehn Jahren vom demografischen Wandel ausgehen. Die Prognosen sind dabei eindeutig: Der deutsche Arbeitsmarkt verliert in den kommenden zehn Jahren 6,5 Millionen Arbeitskräfte, weil die vielen Babyboomer in Rente gehen und nur die geburtenschwachen Jahrgänge nachrutschen. In der Summe ergibt das über die kommenden Jahre dauerhaft eine nicht zu füllende Lücke an fehlenden Arbeitskräften. Die optimistischen Studien sagen eine Lücke von 2 Millionen voraus, die Pessimisten gehen von 5,2 Millionen aus. Um es einfach zu sagen: Wir werden erleben, dass bei ordentlich ausgebildeten Mitarbeitern jede Woche zweimal der Headhunter klingelt. Dies ist die Welt der Vollbeschäftigung. Für die Mitarbeiter ist das das Paradies. Sie bekommen mehr Macht und mehr Geld. Ich gehe davon aus, dass die heute übliche „Anstellung auf Lebenszeit“ auf etwa 30-40% der Gesamtarbeitnehmer zurückgeht. Auf der anderen Seite entstehen etwa 30-40% sogenannte Projektarbeiter. Diese sorgen für einen tiefgreifenden Wandel der Arbeitswelt. Denn die lassen sich nicht auf Lebenszeit anstellen, sondern nur für ein Projekt; also für maximal 2-3 Jahre. Danach wechseln die Projektarbeiter zumeist wieder das Unternehmen. Für die Unternehmen wird das eine schwere Situation: Versuchen Sie nur mal auszurechnen, was es kostet, aller drei Jahre etwa 40% der besten Mitarbeitenden in einem leergefegten Arbeitsmarkt neu rekrutieren zu müssen. Für die Unternehmen ist das eine Katastrophe. Ihnen droht das, was wir im vergangenen Jahr schon einmal bei einem Stellwerk der Deutschen Bahn in Mainz gesehen haben. Dort haben über drei Wochen die Spezialisten gefehlt. Was war die Folge? Die Züge fuhren an Mainz vorbei. Das Produkt wurde also nicht produziert. Genau das werden wir in den meisten Branchen erleben.

Industrie 4.0“ lässt eine Revolution der Arbeitswelt in nicht allzu ferner Zukunft vermuten. Je nachdem, wen man fragt, werden Horrorszenarien skizziert oder eine blühende Zukunft versprochen. Zu welcher Fraktion gehören Sie?
Ich kann diese massenhaften Apokalypse-Prognosen nicht mehr hören. Es gibt kein einziges seriöses Signal dafür, dass es Horror geben sollte. Außer der Veränderungsunwilligkeit der machthabenden Menschen in der Gesellschaft. In Wahrheit ist es mit den Trends total banal: Sie verändern unsere Gegenwart. Dies ist zunächst weder positiv noch negativ. Dies wichtigste Erkenntnis ist aber: Die Veränderung ist unaufhaltsam. Seit es diese Welt gibt, verändert sie sich. Und die wichtigste Fähigkeit der Menschen ist es, sich anzupassen. Der Grund, warum wir heute miteinander reden und nicht andere, ist ausschließlich, dass unsere Vorfahren besser im Anpassen waren als die anderen. Diese „Veränderungskompetenz“ ist aus meiner Sicht das wichtigste im Leben. Denn niemand von uns hat die Macht, Trends zu verhindern. Aber dennoch hat jeder Mensch eine gewaltige Trend-Verantwortung für sich und sein Umfeld. Denn jeder hat die Wahl, ob er die Veränderung der Welt als Chance oder als Gefahr versteht. Dies ist der Hauptunterschied zwischen Gewinnern und Verlierern: Werde ich aktiv und gestalte selbst meine Rolle innerhalb des sich verändernden Umfeldes? Dann werde ich mit hoher Wahrscheinlichkeit gewinnen. Oder bin ich passiv und lasse die anderen mein Umfeld gestalten? Dann werde ich vermutlich verlieren.

In Ihrem Buch „Rulebreaker“ beschreiben Sie, wie Menschen denken, deren Ideen die Welt verändern. Wie sieht denn die DNA der Rulebreaker aus?
Rulebreaker sind Menschen in der Wirtschaft, die die Grundregeln ihrer Branche brechen. Nahezu alle Branchen sind dadurch gekennzeichnet, dass die allermeisten Unternehmen nach den gleichen Grundregeln arbeiten. Rulebreaker haben verstanden, dass es in jeder Branche eine Kundengruppe gibt, die lieber nach anderen Regeln bedient werden möchte. Ein Beispiel: Schauen Sie auf das Bankwesen. Nahezu alle Banken arbeiten nach dem Provisionsmodell. Das heißt: Die Beratung für den Kunden ist kostenlos, aber durch Provisionen wird „hintenrum“ das Geld verdient. Wer das erkennt, der kommt auf den Gedanken, dass es Menschen gibt, die lieber nach einem Honorarmodell bedient werden würden: Sie zahlen zwar eine monatliche Beratungsgebühr, erhalten aber jede Provision ausgeschüttet. Wer das versteht, der macht sich in seiner Branche nicht viele Freunde, aber er erobert oft komplett neue Marktsegmente, verdient Millionen und verändert die Welt. Das finde ich spannend.

Unser Bildungssystem ist extrem verschult und an vielen Stellen noch im Industriezeitalter verhaftet. Dabei bräuchten wir doch im Zuge des demografischen Wandels immer mehr Menschen, die als Pioniere Regeln brechen, gegen den Strom schwimmen und an Lösungen zukünftiger Probleme arbeiten. Kann man Menschen beibringen, genau das zu tun? Wenn ja, wie könnte das Ihrer Meinung nach funktionieren?
Ich denke ja, ich entwickle gerade ein Schulkonzept der „Rulebreaker-Schulen“, das genau darauf abzielt. Allerdings kann man das gegen den Strom schwimmen nicht als Methode oder Strategie lernen. Es gibt kein Wissen und keine Fakten, die ein Lehrer bei einer Leistungskontrolle abfragen könnte. Der Regelbruch ist eine Lebenseinstellung, ein Weltbild. Nur wer versteht, dass Veränderung der wirkliche Treiber für die Fortentwicklung der Welt ist, der wird verstehen, wie richtig und wichtig der Regelbruch ist. Die meisten Rulebreaker, die ich getroffen habe, werden in der Psychologie als „Sensation Seeker“ bezeichnet. Sie sind nur dann innerlich glücklich, wenn sie sich in einem unstabilen Umfeld bewegen, wenn es Risiko und Chancen gibt und sie selbst durch ihre Entscheidungen die Verantwortung haben, ob sie auf die Gewinner- oder die Verliererstraße kommen. Diese Selbstsicherheit in unsicheren Umfeldern kann man auch in der Schule trainieren. Allerdings kommt dabei eine ganz andere Schule heraus, als wir sie kennen.

Rulebreaker bewegen sich sehr oft außerhalb ihrer Komfortzone. Sie probieren Neues aus, ohne zu wissen, ob es funktioniert. Haben diese Menschen keine Angst vor dem Scheitern oder gehen sie mit der Angst und dem Scheitern nur anders um?
Die Rulebreaker sind natürlich Querdenker. Sie sind nur glücklich, wenn sie an einer Idee arbeiten, die den Status Quo verändert. Aber sie sind oft auch im Privaten besondere Menschen. Sie sind nicht davon getrieben, Businesspläne zu erfüllen und Milestones zu erreichen. Sie haben eine Vision und sind felsenfest davon überzeugt, dass dies die Welt besser machen wird. Das gibt ihnen die Möglichkeit, all die gut gemeinten Warnungen und Gegenargumente zu ignorieren. Aber sie sind auch Zeit ihres Lebens etwas einsam. Denn sie stellen sich immer gegen die Masse. Manche unter ihnen sind sogar so zu Einzelkämpfern geworden, dass sie diesen Gegenwind unbedingt brauchen.

Seit zwölf Jahren laden Sie regelmäßig 250 CEOs und Innovationschefs der deutschen Wirtschaft ein und diskutieren über die Zukunft. Ich frage Sie: „Quo Vadis Corporate Germany?“
Es gibt 3 Begriffe, die die Wirtschaft in Deutschland und der Welt in den kommenden zehn Jahren radikal verändern: Digitalisierung, Digitalisierung, Digitalisierung. Erinnern Sie sich an „Watson“, den Supercomputer von IBM, der 2011 die „Jeopardy“-Gameshow im US-Fernsehen gewonnen hat? Er hatte auf jede Frage die schnellere und bessere Antwort als die menschlichen Kandidaten. Im Jahr 2020 wird genau dieser Watson den Preis und die Größe Ihres Smartphones haben. Sie, Ihre Kinder, Ihre Kunden, Ihre Mitarbeiter … kurz jeder, der sich ein Handy kaufen kann, wird einen Supercomputer in der Tasche haben, der auf die meisten Fragen bessere Antworten gibt als jeder Mensch. Damit verändert sich das Vertrauen. Menschen werden ihrem Handy mehr vertrauen als anderen Menschen. Und damit verändern sich die Geschäftsmodelle in nahezu allen Branchen, von Auto und Mobilität über Gesundheit und Food bis Immobilien und Maschinenbau.

Und zum Schluss noch ein kleines Spiel. Ich sage Ihnen einen Begriff und Sie sagen mir, was Ihnen als erstes dazu durch den Kopf geht:

  • Flexibilität: Grundvoraussetzung des Denkens.
  • Innovation: Regeln im Kopf brechen.
  • Anpassungsfähigkeit: Der Grund, warum wir heute leben und nicht andere.
  • Kreativität: Wird leider oft verwechselt mit Strategie,
  • Veränderung: Der Sinn der Lebens.
  • Angst: Die einzige Eigenschaft, die ich bei Menschen in meinem Umfeld nicht tolerieren kann.
  • Zukunft: Die schönste Zeit unseres Lebens.
  • Deutschland: Das ideale Land für Rulebreaker. Hier gibt es so herrlich viele Regeln.
  • Ich: muss mehr Sport treiben.
  • Beruf: ist ein irreführender Begriff aus dem letzten Jahrhundert.
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